Digitale Gewalt: Denn sie wissen, was sie tun

14. November 2018 | By

Den folgenden Beitrag hat der Berufsverband der Rechtsjournalisten e.V.  für uns  geschrieben:

Sie ist eine Frau, Tochter irakischer Christen, lebt offen lesbisch und scheut sich nicht, öffentlich ihre Meinung zu sagen. Damit ist die deutsche Journalistin und Moderatorin Dunja Hayali die „perfekte“ Zielscheibe für Hasskommentare, Diffamierungen, Beleidigungen und Rufschädigungen auf Facebook und anderen digitalen Medien – vor allem für jene Personen, die Ressentiments und Vorurteile gegen Minderheiten hegen.
Das Internet macht es den Tätern leicht, sich hinter ihrer scheinbaren Anonymität zu verstecken. Vor allem Erwachsene wissen meistens genau, was sie tun. Sie wollen oft Angst verbreiten, Hilflosigkeit und Ohnmacht hervorrufen. Und sie sind darauf bedacht, die betroffene Person zum Schweigen zu bringen.
Dunja Hayali geht entschlossen gegen jeden Hasskommentar vor. „Ich lese alles“, schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite, und manchmal verklagte sie die Täter. Mit Erfolg und mit Recht, denn digitale Gewalt ist kein Kavaliersdelikt, sondern strafbar.

Formen der digitalen Gewalt
Die Straftaten, die hier begangen werden, reichen von Beleidigung und Volksverhetzung, über Nötigung, Erpressung und Androhung von Gewalt bis hin zu Cyber-Stalking. Dabei kann digitale Gewalt verschiedene Formen annehmen, z. B.:
– Cyberstalking – das Nachstellen, Belästigen und Bedrohen unter Verwendung digitaler Medien,
– Cybermobbing/-bullying – systematisches Schikanieren und Ausgrenzen über längere Zeit mithilfe digitaler Kommunikationsmittel und Medien,
– Cybersexismus – geschlechtsspezifische Diskriminierung über digitale Medien,
– Hatespeech („Hassrede“) – gezielte Angriffe und Abwertungen sowie Aufrufe zu Hass und Gewalt über das Internet – meist auf der Grundlage sexistischer und rassistischer Vorurteile.

Raus aus der Ohnmacht – Empfehlungen für betroffene Frauen
Nicht jede Frau bringt denselben Mut auf wie die Journalistin Dunja Hayali. Das ist menschlich und verständlich, zumal derartige Angriffe Gefühle auslösen können, die nur schwer zu ertragen sind und die mitunter lange nachwirken.
Aber: Frauen wie Dunja Hayali können Mut machen, gerade weil sie anderen Frauen eines ins Bewusstsein rufen: „Du bist nicht allein.“ Frauen, die im Internet angegriffen werden, sollten auch nicht allein bleiben. Der erste Schritt, die Spirale aus Angst und Ohnmacht zu durchbrechen, ist es, im Beratungsgespräch das Erlebte aufzuarbeiten und besser mit den Gefühlen umgehen zu können.
Einrichtungen wie die Fachberatungsstellen gegen Gewalt gegen Frauen helfen Ihnen, die erlebte Situation richtig einschätzen zu können. Je nach Art der digitalen Gewalt ist eine andere Strategie notwendig, um sich zu schützen und gegen die Täter vorzugehen. Bei den Fachberatungsstellen erhalten Sie außerdem weitere Informationen zu Online-Beratungen, Einrichtungen und spezialisierten Rechtsanwälten, die Ihnen direkt vor Ort unterstützend zur Seite stehen können.

Digitale Gewalt in der Partnerschaft – Was ist bei einer Strafanzeige wichtig?
Die Entscheidung, Strafanzeige zu erstatten und juristisch gegen den Täter vorzugehen, kann Ihnen helfen, sich auch nach der Tat zur Wehr zu setzen. Meistens ist es sehr wichtig, schnell zu handeln, um Gewaltschutzanordnungen, Unterlassungsverfügungen und ähnlichen Schutz zu erwirken.
Bei einigen Frauen mögen Zweifel aufkommen, ob eine Strafanzeige die richtige Vorgehensweise ist. Gerade im Falle von massiven Bedrohungen und Nachstellungen befürchten sie, dass der Täter dadurch erst richtig wütend wird und die Situation eskaliert, insbesondere wenn die Angriffe vom (Ex-)Partner ausgehen. Viele Belästiger spielen jedoch mit dieser Angst und suggerieren, dass es schlimmer werde, wenn sich die Betroffenen wehren.
Stillhalten und nichts tun, ist jedoch keine Lösung, zumal sich die Hoffnung, dass die Belästigungen irgendwann aufhören, nur selten erfüllt. Fachberatungsstellen helfen auch bei dieser Frage weiter. Sie erörtern Vor- und Nachteile einer Anzeige und gehen auf die Befürchtungen der ratsuchenden Frauen ein.
Des Weiteren empfiehlt es sich, zeitnah eine Rechtsanwältin/einen Rechtsanwalt einzuschalten. Sie/er kann Sie als Zeugen- oder Verletztenbeistand oder als Nebenklagevertreter unterstützen und ggf. in einem Strafverfahren (Adhäsionsverfahren) sogar zivilrechtliche Ansprüche wie Schadensersatz geltend machen. Auch wenn Ihre (neue) Adresse gegenüber dem terrorisierenden Ex-Partner anonym bleiben soll oder Sie Gewaltschutz anstreben, ist ein anwaltlicher Beistand dringend angeraten.

Beweise sichern: Alle Angriffe dokumentieren
Für Anzeige und Strafverfolgung sind Beweise sehr wichtig. Betroffene Frauen sollten daher sämtliche Angriffe genau dokumentieren – selbst wenn sie momentan keine Anzeige erstatten wollen. Vielleicht entscheiden sie sich später anders.
– Speichern Sie belästigende SMS, WhatsApp-Nachrichten, Facebook-Kommentare, E-Mails etc. ab oder fertigen Sie Screenshots an. Drucken Sie diese Belege ggf. aus. Bei E-Mails ist es wichtig, dass der Header sichtbar ist.
– Dokumentieren Sie jeden einzelnen Angriff wie folgt: wann (Datum, Uhrzeit), was (genaue Tatbeschreibung), wie (genutztes Medium bzw. Kommunikationsmittel) und durch wen, z. B. in Tagebuchform oder als tabellarisches Protokoll.
– Notieren Sie, wie Sie reagiert haben, z. B. mit Herzrasen, Übelkeit, Schwindel etc.
– Wenn von Ihnen Bild- oder Filmaufnahmen ohne Ihre Zustimmung angefertigt (und verbreitet) wurden, schreiben Sie auf, welche Aufnahmen wie und wann erstellt wurden. Auch die Verbreitung bzw. Veröffentlichung sollte mit Screenshots o. ä. belegt werden.
– Benennen Sie für jede Tat mögliche Zeugen mit Adresse.

Der Täter sollte nicht erfahren, dass seine Angriffe dokumentiert werden. Gerade wenn die digitale Gewalt vom Partner oder (Ex-)Partner ausgeht, kann es schwierig sein, die Beweise zu sichern, ohne dass dieser davon etwas bemerkt. Wenn Sie sich unsicher sind, ob Sie die Dokumentierung allein wagen können oder ob Sie hierbei Unterstützung brauchen, dann wenden Sie sich an die Fachberatungsstelle bei Ihnen vor Ort.

Tipps bei digitaler Gewalt in der Partnerschaft
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Falsch. Frauen, deren Partner versuchen, sie zu kontrollieren, sollten von Beginn an hiergegen vorgehen und derartige Einblicke in Passwörter, digitale Kontakt- und Verbindungsdaten und Telefonprotokolle verwehren. Geben Sie weder Ihre digitalen Geräte noch Ihre Passwörter weiter.
Wenn Sie sich unsicher sind und sich nicht trauen, allein gegen Androhungen und Angriffe vorzugehen, suchen Sie sich professionelle Hilfe.

Der Berufsverband der Rechtsjournalisten e.V. wurde im August 2015 von Rechtsanwalt Mathis Ruff in Berlin gegründet. Für juristische Lai*innen steht einem grundlegenden Verständnis zumeist das „Juristendeutsch“ im Wege; entsprechende Recherchen gestalten sich in der Regel als zeitaufwendig und komplex. Ziel des Verbandes ist es daher, über zentrale rechtliche Themenkomplexe in einer verständlichen Sprache zu informieren. Der Berufsverband der Rechtsjournalisten e.V. stellt ausschließlich Informationsportale bereit, bietet jedoch keine Rechtsberatung an.

Portale des Berufsverbandes der Rechtsjournalisten e.V.:

https://www.koerperverletzung.com/

https://www.scheidung.org/

https://www.familienrecht.net/

 

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