Was bewegt junge Frauen in Deutschland?

24. Mai 2017 | By

Dieser Frage ist 2016 die Friedrich-Ebert-Stiftung  mit einer Studie nachgegangen und hat dazu Frauen zwischen 18 und 40 Jahren aus allen sozialen Schichten und Milieus befragt.

Eines der zentralen Ergebnisse: Frauen (und Männer) dieser Generationen begreifen Gleichstellung vor allem als gemeinsames Projekt der Strukturveränderung und elementaren Baustein nicht nur für das partnerschaftlich-private Leben, sondern für den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft. Für 85% der Frauen (und 84% der Männer) sind geschlechtergerechte Rahmenbedingungen keine optionalen Facetten, sondern unerlässlicher Bestandteil einer funktionierenden solidarischen Gesellschaft. Geschlechtergerechtigkeit gliedert sich für sie dabei in ganz konkrete Handlungsfelder: Arbeitsmarkt (Lohngleichheit) und Sozialversicherung (Rente), Familienpolitik und Infrastrukturen (Elternzeit, Versorgung der Kinder, Öffnungszeiten von Kitas, Pflegezeit für Angehörige) bis hin zu privaten, partnerschaftlichen Vereinbarungen (Aufgabenteilung im Haushalt). Geschlechtergerechtigkeit bedeutet Entgeltgleichheit als elementare Voraussetzung zur Auflösung traditioneller Rollenteilung. Sie bedeutet, dass gemeinsam getroffene Entscheidungen für keine Partner*in höhere Risiken oder Nachteile zur Folge haben, dass beide dieselben Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit haben, in der Familienarbeit beide Partner*innen dieselben Pflichten und Möglichkeiten haben, dass es für Männer selbstverständlich wird, ihre Erwerbstätigkeit zugunsten von Familienarbeit zu unterbrechen oder zu reduzieren, dass sich Frauen und Männer die Aufgaben im Haushalt paritätisch teilen und es etwa gleich viele Frauen wie Männer in Führungspositionen gibt.

Das alles sind Forderungen, die die Frauenbewegung z. T. seit Jahrzehnten stellt. Aber immer noch sind etwa 90% der Frauen zwischen 18 und 40 (und etwa 85% der Männer) davon überzeugt, dass die Gleichstellung von Männern und Frauen in Deutschland nicht realisiert ist. Das ist auch kein Wunder: Die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind in Deutschland so groß wie in kaum einem anderen Land Europas. Weibliche Beschäftigte erhalten für ihre Arbeit durchschnittlich 21 Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Das heißt, für jeden Euro, den ein Mann verdient, erhält eine Frau lediglich 79 Cent. Frauen arbeiten nach wie vor deutlich häufiger in Teilzeit oder Minijobs, erhalten oft nur einen Niedriglohn, unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit häufiger und länger, sind auf niedrigeren Stufen der Karriereleiter als männliche Kollegen, haben deshalb in aller Regel deutlich niedrigere Renten, tragen nach wie vor die Hauptlast der unbezahlten Arbeit in Haushalt und Familie.

So ist es sicherlich ebenfalls kein Wunder, dass auch im letzten Jahr der Beratungsbedarf enorm war und die Anfragen an unsere Beratungsstelle im Vergleich zu den Vorjahren weiter gestiegen ist. Gerade wenn Frauen ganz konkret mit den täglichen individuellen und strukturellen Ungleichbehandlungen konfrontiert werden, sind Frauenberatungsstellen bzw. frauenparteiliche Angebote oft der erste Anlaufpunkt.

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